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CASA NOSTRA

Geschichten aus Corleone, 2018-2019

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Der Name von Corleone, einer kleinen Stadt im Bergland von Sizilien, war in der Vergangenheit untrennbar mit der Mafia verbunden. Nach dem kürzlichen Tod der beiden bekanntesten Mafiabosse stellte sich uns die Frage nach Veränderungen und einem möglichen Neuanfang.

Im Winter 2018 und Sommer 2019 waren wir länger in Corleone und Umgebung, um die Menschen und ihre Geschichten kennenzulernen, verschiedene (Antimafia)initiativen zu besuchen und Stimmungen vor Ort einzufangen.

Hier präsentieren wir einen Ausschnitt aus unserem Projekt.

Fotos © Marco Ristuccia
Texte © Christine Roth
Sizilien-Karte mit Corleone

„Entschuldigen Sie, wo ist die Mafia? - Immer geradeaus und dann links!“

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Corleone, 2018-2019

Corleone ist berühmt: einer amerikanischen Umfrage entsprechend ist die kleine sizilianische Stadt mit dem poetischen Namen „Löwenherz“ der bekannteste italienische Ort nach Rom und Venedig. Natürlich, alle kennen den Film von Francis Ford Coppola mit Marlon Brando in seiner Glanzrolle als Pate Vito Corleone. Dabei liegt der kleine Ort mit 11.000 Einwohnern abgelegen von Hügeln umringt im Landesinneren; zufällig kommt man als Strandurlauber da nicht vorbei. Wer sich vom 60 km entfernten Palermo für einen Tagesausflug aufmacht, ist meist entweder ein Kinofan oder will sich gruseln – oder beides. Denn nicht nur auf der Leinwand wurde geschossen, auch in der Realität gingen in den siebziger und achtziger Jahren die blutigsten und brutalsten Verbrechen der Mafia von den „Corleonesi“ aus, den Familienclans angeführt von Salvatore „Totò“ Riina und Bernardo Provenzano.

Doch selbst wenn die Bar an der zentralen Piazza mit großen Fotos aus dem Coppola-Film geschmückt ist – keine einzige Szene des Filmes „Der Pate“ spielt direkt in Corleone. Der Ort war in den siebziger Jahren zu modern geworden und aufgrund der vielen Schießereien wurde das Drehen für das Filmteam vor Ort als zu gefährlich erachtet – die Fiktion sollte doch Fiktion bleiben. Manchmal, wenn schlecht informierte Filmliebhaber gar zu enttäuscht sind, dass sie das Haus von Vito Corleone nicht finden können, dann flunkert Barbesitzer Giuseppe ein wenig und schickt sie zu einer Kirchenfassade, die der aus dem Film ähnelt und stellt sich mit Lupara und Coppola, der Schrotflinte und der typischen sizilianischen Mütze, als Fotomotiv zur Verfügung.

Auf der Suche nach weiteren Spuren der Mafia stoßen die Besucher dann unweigerlich auf das „Anti-Mafia-Museum“, oft ohne genau zu wissen, was es da eigentlich zu sehen gibt. Das CIDMA, so der offizielle Name und Abkürzung für „Centro Internazionale di Documentazione sulle Mafie e del Movimento Antimafia“, befindet sich im ehemaligen Kloster San Ludovico, das nun der Stadt gehört. In dem Gebäude aus dem 17. Jahrhundert ist neben einigen Räumen der Stadtverwaltung auch die Bücherei untergebracht. Es ist in keinem guten Zustand; bei starken Regenfällen dringt Wasser durch die Decke, die Wandfarbe blättert ab, die Ausstellungsmöbel wirken zusammengewürfelt. Die großen schwarz-weiß Aufnahmen von Mafiaanschlägen der berühmten sizilianischen Fotografin Letizia Battaglia sind ungünstig platziert. Den stärksten Eindruck hinterlässt noch der Raum mit der Wand voller Akten aus den achtziger Jahren. Sie stammen von den legendären Maxi-Prozessen in Palermo, eine Serie von Gerichtsverfahren gegen Hunderte von Mitgliedern der Cosa Nostra, vorbereitet und geleitet von den Richtern Giovanni Falcone und Paolo Borsellino, die später selbst beide bei Attentaten der Corleoneser Mafia getötet wurden. Zur Einweihung des CIDMA im Jahr 2000, ein symbolischer Neuanfang für Corleone, wurden die Dokumente in einer bewußten Entscheidung dem Museum übergeben – sie enthalten unzählige Verurteilungen und markieren damit das Ende einer der blutigsten Epochen in der italienischen Vergangenheit. Die Namen einiger der Protagonisten lassen sich auf den Aktendeckeln entziffern: Tommaso Buscetta, Michele Greco, und andere – Geschichte mit Gänsehaut.

Aber wirklich zum Leben erweckt werden die Ausstellungsstücke nur durch die Führungen der CIDMA-Freiwilligen, organisiert durch die Leiterin Massimiliana Fontana. Erklärungen und Moderation sind unumgänglich; ohne Anmeldung und Führung darf deshalb niemand die Räume besuchen. Das Motto des CIDMA lautet „Mafia – wir sprechen darüber“. Eine klare Gegenposition zur traditionellen Omertà, dem Schweigegebot der Cosa Nostra. „Die Dinge müssen beim Namen genannt werden, überall: in den Bars, auf der Piazza. Keiner soll mehr die Stimme senken, wenn bestimmte Themen angesprochen werden!“ Für diese wichtige Aufgabe hat Massimiliana, 46 Jahre, resolut und schlagfertig, bewusst nur junge Leute ausgewählt: „Die jungen Corleoneser sind unsere Zukunft – niemand kann besser als sie einen Neuanfang verkörpern!“. Aber es gibt auch praktische Gründe: Geld ist keins da. Der Preis der Eintrittskarten deckt gerade die Ausgaben. Abgesehen von einer eher symbolischen Aufwandsentschädigung verdienen die Führungskräfte nichts; vertragliche Absicherungen – Fehlanzeige. Allein die Leidenschaft und der Wunsch, über die Mafia aufzuklären und auch die letzte romantische Vorstellung aus den Köpfen mancher Touristen zu fegen, motiviert.

Massimiliana, Herz und Seele des Museums, kam vor vielen Jahren im Rahmen eines Praktikums während ihres Jurastudiums ans CIDMA, wo sie sich mit den Akten des Maxiprocesso beschäftigte. Als dann 2006 die Stelle der Koordinatorin und Sekretärin frei wurde, blieb sie. Nach und nach baute sie einen Stamm von Freiwilligen auf, die ihre Ideale teilten und Führungen im CIDMA leiten wollten. „Anfangs habe ich einige der Jugendlichen regelrecht auf Facebook gestalkt oder habe sie einfach auf der Straße angesprochen.“ Die ersten Interessenten brachten dann wiederum ihre Freunde mit und so entstand eine kleine Familie, die im Laufe der Zeit immer größer wurde.

Costanza, mit 17 Jahren die jüngste der Volontäre, kam vor zwei Jahren dazu. Ein Besuch mit der Familie brachte sie zum CIDMA; ihr Vater war 2009 einer der Zuständigen für die Bergung der Gebeine von Placido Rizzotto, ein Gewerkschaftsführer, der 1948 von der Mafia in den Bergen nahe Corleone ermordet und dann in eine schwer zugängliche Felsspalte geworfen wurde – wie viele andere, die gegen die Mafia kämpften und plötzlich verschwanden. Sie erzählt in ihren Führungen so lebhaft und mitreißend von den schrecklichen Mafiaattentaten, dass sie ihre Besucher häufig zu Tränen rührt:„Wir hatten auch schon Besucherinnen, die in Ohnmacht gefallen oder vollkommen desorientiert die Stufen herunter gestolpert sind, sich Knie aufgeschlagen und Füße verstaucht haben. Und bei einigen hat der Besuch auch ein gründliches Umdenken bewirkt, wie bei dem jungen russischen Touristen mit der Tätowierung des Padrino auf der Wade, der beim Rausgehen flüsterte, dass er sich nun schäme und seine Shorts tiefer zog!“

Für die Führungen gibt es kein festgelegtes Konzept. Die Neuen im Team laufen bei den Erfahrenen mit und lernen voneinander. Jeder entwickelt dann seinen eigenen Stil und bringt persönliche Erinnerungen und Erfahrungen ein, die den Besuch zu einem eindrücklichen Erlebnis werden lassen. Davide, 26 Jahre, wurde von seinem älteren Bruder vor einigen Jahren ins CIDMA mitgenommen – und kam wieder. Der eher zurückhaltende Technikfreak kümmerte sich anfangs um Computerprobleme und belebte die Website mit seinen Fotografien – mit den Führungen wollte er nichts zu tun haben. Aufgrund eines plötzlichen Engpasses überzeugte ihn Massimiliana seine Schüchternheit zu überwinden und nun erzählt er den Besuchern wie selbstverständlich von seinen Kindheitserinnerungen im Schatten der Mafia, als Fotostreifzüge in die Umgebung für ihn verboten waren. Die begeisterten Kommentare der Besucher gibt dem Konzept recht, das auf den Dialog setzt. Die jungen Corleoneser lernen sich zu positionieren, üben Fremdsprachen und erleben Menschen verschiedenster Nationalitäten, die manchmal auch nach der Führung noch Kontakt halten. Costanza erzählt begeistert: „Wir müssen überhaupt nicht verreisen; Leute kommen von weither zu uns, aus Neuseeland, China und den USA! Die ganze Welt kommt nach Corleone!“ Über 9000 Interessierte waren es im letzten Jahr.

Ab und an gibt es auch seltsame Besucher, wie der Herr, der zu wissen verlangte, wo es denn hier zur Mafia gehe? und den Massimiliana in einem Moment der Gereiztheit „immer da geradeaus die Gasse entlang und dann links!“ weiter schickte – zurück kam er nicht. Oder der ältere Mann mit der Bibel unter dem Arm, der vor einigen Jahren dringend den inzwischen verstorbenen Paten Totò Riina zu sprechen wünschte – und nach der Auskunft, dieser säße im Gefängnis und damit sei ein Gespräch eher nicht möglich, darauf beharrte, sich zumindest zum Mittagessen bei der Ehefrau Riinas einzuladen. Dann war da noch die Besucherin, die vor einem Foto des Mafiabosses Bernardo Provenzano mit dem Ausruf „endlich habe ich dich gefunden!“ schluchzend zusammenbrach und in eine Nervenheilanstalt eingeliefert werden musste. Und die Braut, die im weißen Hochzeitskleid mit langer Schleppe ausgerechnet an ihrem Ehrentag auf eine Führung bestand, weil sie davon träume, eine Familie nach dem Ehrenkodex der Mafia zu gründen – der Besuch wurde verweigert.

Das kleine Büro hat plötzlich nicht mehr genug Sitzplätze und quillt über. Statt der üblichen fünf Freiwilligen in den Wintermonaten sind nun im Sommer fast alle der 20köpfigen CIDMA-Familie abwechselnd oder gleichzeitig anwesend. Die Studenten sind in den Semesterferien heimgekommen; die wenigen Berufstätigen im Führungsteam sind Lehrer und nutzen ebenfalls die Sommerpause für ihre ehrenamtliche Tätigkeit. Das Telefon klingelt ständig, einige französische Pilger wollen ihre abgestellten Rucksäcke wieder abholen, Touristen aus dem Kosovo erfragen Informationen zur nächsten englischsprachigen Führung, ein paar Freunde schauen vorbei und haben Cannoli, das typische Gebäck mit süßer Ricottacremefüllung mitgebracht. Massimiliana blüht im Durcheinander auf und speichert die positive Energie ihrer Schützlinge. Sie muss ihr sowohl über klamme und einsame Wintermonate als auch über frustrierende und erfolglose Kämpfe mit der Bürokratie hinweghelfen. Manchmal klagt sie dann, dass sie keine Kraft mehr habe und nun endlich kündigen werde, was sie aber doch nicht in die Tat umsetzt. „Da, das kleine Schaf dort, das ist Massimiliana!“ Costanza zeigt auf ein Wandgemälde mit dem Hirtenjungen Giuseppe Letizia, auch er ein Opfer der Corleoneser Mafia, und seiner Schafherde. Das „Massimiliana-Schaf“ ist das einzige, das gegen den Schafstrom in eine andere Richtung läuft. Angst hat sie keine, auch wenn sie sich unbeliebt macht, wenn sie zum Beispiel in der Mafiabar Broschüren für das CIDMA auslegt. Tatsächlich schicken manche der Corleonesi die Touristen auf der Suche nach dem CIDMA immer noch in die falsche Richtung, aber inzwischen gibt es auch Einwohner, die ihre Gäste stolz ins Museum bringen. Als anonyme Kritiker bemängelten, dass das Museum doch nur etwas für Touristen sei, organisierte Massimiliana letztes Jahr einen Tag der offenen Tür für die Einheimischen. Immerhin knapp 500 Personen kamen.

Selbst wenn nicht mehr auf Corleones Straßen geschossen wird oder Menschen nach der „Lupara bianca“-Methode spurlos verschwinden, so ist die Mafia immer noch da, im Hintergrund. Junge Generationen der bekannten Clans versuchen mit Schutzgelderpressung, Korruption und Mauscheleien bei Bauprojekten an alte Zeiten anzuknüpfen. 2016 wurde die Stadtverwaltung deshalb wegen Infiltration durch die Mafia von der italienischen Regierung aufgelöst und vorübergehend unter Zwangsverwaltung gestellt. Untersuchungen der Carabinieri hatten Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe von Bauaufträgen aufgedeckt. Verdachtsmomente gab es auch betreffend der Müllabfuhr und der Essenslieferung an die Schulmensen. Vor wenigen Wochen wurde der Gemeinderat des Nachbarortes San Cipirello aus ähnlichen Gründen aufgelöst. Maria Elena, ein weiteres Mitglied der CIDMA-Familie, erklärt, dass das Leben heute in Corleone keine großen Taten abverlangt, sondern von vielen kleinen alltäglichen Entscheidungen geprägt ist: In welcher Bar trinke ich meinen Espresso? Wen grüße ich? Wo mache ich meine Einkäufe? Kleine Entscheidungen mit Konsequenzen – Massimilianas Eltern, die einen Obst-und-Gemüseladen führen, haben wegen des Arbeitsplatzes ihrer Tochter einige Kunden verloren. Für Außenstehende unsichtbar ziehen sich Grenzlinien durch das Städtchen und das CIDMA ist Insel, Leuchtturm und Kraftort.

Ideen für eine noch bessere Außenwirkung des Museums hätte Massimiliana so einige: „Die Büros der Stadtverwaltung raus, stattdessen ein richtiges Archiv mit Bestandsbibliothek für Forscher. Und ein Biocafé!“ Auch ein „CIDMA on the road“ mit Vorträgen in norditalienischen Schulen kann sie sich vorstellen. Der frisch gewählte Bürgermeister Nicolò Nicolosi hat erstmal neue Berater für das CIDMA bestimmt und plant dort nun immerhin ein jährliches Festival mit vielen kulturellen Aktivitäten. Ein Blitzstreik der jungen Führungskräfte für vertragliche Rahmenbedingungen vor wenigen Tagen hat Aufmerksamkeit erregt – „man sei im Gespräch“, wurde versprochen.

Auch Costanza hat Pläne; sie möchte studieren, was genau, weiß sie noch nicht. Vor kurzem hat sie mit Massimiliana eine Pro und Contra-Tabelle aufgestellt: Vielleicht Ingenieurswissenschaften? Oder doch lieber Jura, wie ihre Mentorin? Aber eines ist ihr jetzt schon klar – während der Semesterferien will sie im CIDMA sein. Massimiliana zählt auf sie.

Munnu ha statu e munnu è.

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Sicily, The Good over the Evil, Christine and marco
Photos © 2018-2019 Marco Ristuccia
Texts © 2018-2019 Christine Roth
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